Die politische Situation in Russland

Am Morgen des 19. Juni 2004 schellte es an der Tür von Nikolai Girenko in St. Petersburg. Als er an sie trat, um zu öffnen, wurde durch sie hindurch geschossen. Der 64-jährige Girenko war sofort tot. Immer wieder hatte er, der überzeugte Antifaschist und Antirassist, in den Medien auf die wachsende extreme Rechte aufmerksam gemacht. Der Wissenschaftler war ein ausgewiesener Kenner der extrem rechten organisationen in Russland und trat immer wieder bei Prozessen als Experte auf. Dieses Engagement brachte ihn in die »Schusslinie« der extremen Rechten. Kurz nach dem Mord bekannte sich entsprechend eine rechte Splittergruppe zu der Tat, doch bis heute wurden die Täter nicht ermittelt. Dieser gezielte Mord wirft ein Schlaglicht auf die Situation in Russland. Er zeigt sowohl die Gefahr, die von dem Spektrum der extremen Rechten ausgeht, aber auch den Umgang des Staats mit diesem:
Die Behörden strengten sich nicht an, die Täter zu ergreifen und jene Organisationen, die mit dem Mord in Verbindung gebracht wurden, sind nicht verboten worden! Das Attentat auf Girenko war zwar das erste auf einen aktiven Antifaschisten in Russland, aber blieb leider nicht das einzige. Bekannt wurde beispielsweise der Mord an dem 19-jährigen Petersburger Hardcore-Musiker und Antifaschisten Timur Kacharava am 13. November 2006. Timur, der in den Bands Sandinista und Distress spielte und als Aktivist der linken Szene bekannt war, wurde nach einer Food-Not-Bombs-Aktion auf offener Straße von Neonazis erstochen – er hatte vor einem Buchladen auf seine Freunde gewartet, als er und ein Freund von einer Gruppe Nazischlägern überfallen wurden. Timur erlitt so schwere Verletzungen, dass er bereits zehn Minuten nach dem Angriff verstarb. Und am 16. März 2008 griffen im Zentrum Moskaus etwa 15 Neonazis sieben Menschen an, die auf dem Weg zu einem Punk-Konzert waren. Der 16-jährige Alexey Krylov verstarb an den Folgen von mehreren Messerstichen noch vor Ort. Alexey engagierte sich und war als Punk bereits durch sein äußeres Auftreten ein Feindbild der Neonazis. Während bei den Attentaten auf Nikolai Girenko und Timur Kacharava davon ausgegangen wird, dass es sich um gezielte Mordtaten handelte, ist der Überfall auf Alexey Krylov ein Beispiel für den alltäglichen Terror gegen antifaschistische und sich alternativ verstehende Menschen. Diese Angriffe erfolgen manchmal spontan, manchmal aber auch gezielt. Schon Tage vor dem Punk-Konzert, zu dem Alexey gehen wollte, wurden im Internet-Fan-Forum des Fußball-Clubs »Spartak-Moskau« Informationen zu dem Konzert und zum richtigen Verhalten beim Überfall veröffentlicht. Die Fans des Vereins sind für ihre rassistische und nationalistische Haltung bekannt und die vorherigen Hinweise deuten auf mehr als nur fahrlässige Körperverletzung mit Todesfolge hin! Den Tod von Menschen nahmen sie vielmehr billigend in Kauf! Obwohl die beiden erstgenannten Morde für viel öffentliche Aufmerksamkeit sorgten, war ihre juristische Aufarbeitung mangelhaft. Solche Übergriffe werden von der Polizei als »Rowdytum« eingestuft und ihre Hintergründe in den russischen Medien nicht thematisiert. Das wirft unseres Erachtens ein bitteres Schlaglicht auf die Situation von AntifaschistInnen in Russland. Girenko, Kacharava und Krylov stehen hier nur beispielhaft für viele Opfer, deren Zahl ebenso wie die Überfälle und körperlichen Auseinandersetzungen mit Neonazis dramatisch steigt.