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Die größte Strömung der extremen Rechten ist in Russland jene der Nationalisten. Sie sind hervor gegangen aus der früheren monarchistischen Pamjat-Bewegung, die Russland wieder in ein Zaren-Reich verwandeln wollte. Heute hat diese keine Bedeutung mehr – dafür jedoch jene Gruppierungen, Parteien und Organisationen des russischen Nationalismus. In ihrer Ideologie ähneln sie durchaus den Neonazis. Sie lehnen wie sie die Demokratie ab, fordern einen starken Staat, sehen in den Juden »Sündenböcke« und träumen davon, Russland wieder zu einer Großmacht zu machen. Von Seiten des Kreml wird versucht, die Nationalisten zu integrieren. Viele von ihnen engagierten sich zuerst in der vom Kreml unterstützten Partei »Rodina« (Heimat), die nationalistische Positionen vertrat und damit das rechte WählerInnenpotential in der Bevölkerung ansprach. Allerdings agiert sie nicht offen rassistisch und antisemitisch. Mittlerweile ist Rodina in der Organisation »Gerechtes Russland« aufgegangen.
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Das Selbstbewusstsein der neonazistischen Organisationen und Gruppierungen ist gestiegen. Sie präsentieren sich offen auf Plätzen und in Kneipen und suchen Zugang zu den Medien. Ferner versuchen sie inzwischen auch, sich an bekannten Politikern der extremen Rechten und aus dem russischen Nationalismus zu orientieren. Diese können den neonazistischen Skinheads behilflich sein aus ihrem bisherigen Randdasein heraus zu einem Faktor in der russischen Politik aufzusteigen, der nicht zu ignorieren wäre. Dmitrij Demuschkin, der Anführer des Slawischen Bund, schaffte beispielsweise bereits 2006 den Sprung vom Internet ins Fernsehen. Zusätzliche Aufmerksamkeit erhielt er durch den bekannten Politiker Nikolaj Kurjanowitsch, für den Demuschkin als Referent tätig war. Kurjanowitsch war im Herbst 2007 aus der Liberaldemokratischen Partei von Wladimir Zhirinowskij ausgeschlossen worden und danach der »SS« beigetreten. Bis zum Dezember 2007 saß er für sie im russischen Parlament, der Duma. Gerne ließer sich mit dem Hitler-Gruß ablichten und nutzte fleißig seinen Abgeordnetenstatus zur Agitation für seine neue Partei.
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Neben dem klassisch jugendkulturell geprägtem Bereich, der Skinheadszene und dem Rechts-Rock, existieren explizit politisch ausgerichtete Gruppierungen. Lange Zeit war die »Russische Nationale Einheit« (RNE) die wichtigste Organisation dieser Szene. Sie veranstaltete Wehrsportlager und unterhielt lokale Basisgruppen, die in vielen Landesteilen aktiv waren. Ende der 1990er zerbrach die RNE in verschiedene Untergruppen und es entstanden daraus neue neonazistische Organisationen wie »Format 18«, die »Nationalsozialistische Gesellschaft« (NSO) oder die »Nationalsozialistische Bewegung Slawischer Bund« (SS).
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Anhänger des Nationalsozialismus sind in Russland heute vor allem in der neonazistischen Skinheadszene zu finden. Ca. 70.000 Anhänger hat dieses aus Skinheads und Hooligans bestehende Spektrum – wie auch in Deutschland spielt in Russland neonazistische Rockmusik eine wichtige Rolle. Bands wie Kolovrat (Hakenkreuz), Posizija oder T.N.F. (Terror National Front) hetzen mit ihren Texten und sind mit ihrem Lifestyle Vorbilder der Szene. Dieser Style unterscheidet sich kaum vom Auftreten neonazistischer Skinheads in anderen Teilen Europas.
Die meisten rassistischen Attacken gehen im Übrigen auf das Konto dieser Nazi-Skins, die lokal teilweise gut organisiert sind. Es fällt jedoch auf, dass sich die Zusammensetzung der militanten neonazistischen Skinszene in der letzten Zeit verändert hat. Aus einer von Minderjährigen dominierten Subkulturszene mit bandenähnlichen, undisziplinierten Gruppierungen und geringer Verweildauer entwickeln sich in den letzten Jahren stabile und organisierte Einheiten. Älter geworden zu sein, eine Ausbildung oder einen Beruf gefunden zu haben, bedeutet längst nicht mehr automatisch, dass rechte Nazi-Skins die Szene wieder verlassen. Stattdessen bleiben viele von ihnen auf Dauer in ihren Strukturen und reichern diese mit ihrer Erfahrung an. Dies gilt auch für entlassene Häftlinge. Sie werden nicht selten zu »Helden« der extremen Rechten. Neu ist die Tendenz, dass nicht mehr nur Messer oder Eisenstangen bei Übergriffen eingesetzt werden, sondern vermehrt Schusswaffen und Sprengstoff auftauchen. Dafür werden nicht nur Geld, sondern auch Schulungen benötigt. Auch dies spricht für einen erhöhten Organisationsgrad innerhalb der extrem rechten Szene. Das Ausmaß der Gewalt steigt enorm an. Während es bereits in den letzten Jahren zu organisierten Überfällen auf nicht russische Händler kam, zeigt ein im August 2006 verübter Sprengstoffanschlag auf einen Moskauer Markt, bei dem 13 Menschen getötet und 53 verletzt wurden, diese neue Dimension.
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Auf Grund der Geschichte existieren in Russland auch unterschiedliche Strömungen der extremen Rechten, die sich ideologisch und in ihren historischen Bezugspunkten teilweise sogar widersprechen. Ein kleiner Teil der extremen Rechten bezieht sich beispielsweise offen auf den Nationalsozialismus, obwohl dieser in weiten Kreisen der Bevölkerung auf Grund des Überfalls von Nazi-Deutschland auf die Sowjetunion (SU), bei dem über 20 Millionen BürgerInnen der SU ums Leben kamen, abgelehnt wird. Der Nationalsozialismus wird allgemein als »unrussisch« oder »russlandfeindlich« eingestuft. Wichtiger als die Neonazis sind die Organisationen des russischen Nationalismus, die der imperialistischen Phantasie einer neuen Weltmacht Russland anhängen. Auch deren Ideologie ist mit rassistischen und antisemitischen Motiven aufgeladen. Neu ist, dass sie sich mit dem Thema Migration auseinandersetzen und es als Aufhänger nutzen, wie beispielsweise die »Bewegung gegen illegale Immigration«. Sie verfügt nicht über einen geschlossenen extrem rechten Gesellschaftsentwurf, sondern versucht die Bürger mit rassistischen und nationalistischen Parolen zu mobilisieren. Hierbei handelt es sich um ein strategisches Vorgehen, denn der Vorsitzende dieser »Bewegung« Alexander Below (Potkin) war schon in der ersten nationalistischen, zur Zeit der Perestroika gegründeten Organisation »Pamjat« aktiv.
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Die extreme Rechte Russlands unterscheidet sich zwar auf Grund der Geschichte des Landes von der westlicher Länder – die Feindbilder sind jedoch die gleichen. Alle, die Neonazis nicht als »russisch« oder »arisch« beziehungsweise »slawisch« ansehen, wollen sie verdrängen oder vernichten. Sie richten sich dabei, wie ihre Kameraden im Westen, nach der Hautfarbe. Aber auch Menschen, deren sexuelle Orientierung von der zur Norm erhobenen Heterosexualität abweicht oder die nur »anders« sind als die Mehrzahl, rücken in ihr Visier. 72 Menschen wurden nach einer Zählung des unabhängigen Moskauer SOVA-Institus 2007 von Rassisten und Neonazis ermordet, da sie nicht in ihr Weltbild passten. Mindestens 573 Menschen wurden allein in den ersten elf Monaten 2007 bei rassistischen Übergriffen verletzt. Neben jugendlichen Anhängern verschiedener Subkulturen waren die Mehrzahl der Opfer Menschen mit dunkler Hautfarbe, vor allem ausländische Studierende und Menschen aus dem Kaukasus wurden angegriffen. Bei einzelnen Gelegenheiten griffen Neonazis gezielt und organisiert kaukasische Händler auf öffentlichen Märkten an und verletzten sie teilweise schwer. Die Polizei leugnet in der Regel die politischen Motive der Täter. Kaum bekannt ist derzeit die Zahl der Übergriffe auf Obdachlose, die sich nicht in der Statistik widerspiegelt – die Dunkelziffer ist hier hoch!
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Am Morgen des 19. Juni 2004 schellte es an der Tür von Nikolai Girenko in St. Petersburg. Als er an sie trat, um zu öffnen, wurde durch sie hindurch geschossen. Der 64-jährige Girenko war sofort tot. Immer wieder hatte er, der überzeugte Antifaschist und Antirassist, in den Medien auf die wachsende extreme Rechte aufmerksam gemacht. Der Wissenschaftler war ein ausgewiesener Kenner der extrem rechten organisationen in Russland und trat immer wieder bei Prozessen als Experte auf. Dieses Engagement brachte ihn in die »Schusslinie« der extremen Rechten. Kurz nach dem Mord bekannte sich entsprechend eine rechte Splittergruppe zu der Tat, doch bis heute wurden die Täter nicht ermittelt. Dieser gezielte Mord wirft ein Schlaglicht auf die Situation in Russland. Er zeigt sowohl die Gefahr, die von dem Spektrum der extremen Rechten ausgeht, aber auch den Umgang des Staats mit diesem:
Die Behörden strengten sich nicht an, die Täter zu ergreifen und jene Organisationen, die mit dem Mord in Verbindung gebracht wurden, sind nicht verboten worden! Das Attentat auf Girenko war zwar das erste auf einen aktiven Antifaschisten in Russland, aber blieb leider nicht das einzige. Bekannt wurde beispielsweise der Mord an dem 19-jährigen Petersburger Hardcore-Musiker und Antifaschisten Timur Kacharava am 13. November 2006. Timur, der in den Bands Sandinista und Distress spielte und als Aktivist der linken Szene bekannt war, wurde nach einer Food-Not-Bombs-Aktion auf offener Straße von Neonazis erstochen – er hatte vor einem Buchladen auf seine Freunde gewartet, als er und ein Freund von einer Gruppe Nazischlägern überfallen wurden. Timur erlitt so schwere Verletzungen, dass er bereits zehn Minuten nach dem Angriff verstarb. Und am 16. März 2008 griffen im Zentrum Moskaus etwa 15 Neonazis sieben Menschen an, die auf dem Weg zu einem Punk-Konzert waren. Der 16-jährige Alexey Krylov verstarb an den Folgen von mehreren Messerstichen noch vor Ort. Alexey engagierte sich und war als Punk bereits durch sein äußeres Auftreten ein Feindbild der Neonazis. Während bei den Attentaten auf Nikolai Girenko und Timur Kacharava davon ausgegangen wird, dass es sich um gezielte Mordtaten handelte, ist der Überfall auf Alexey Krylov ein Beispiel für den alltäglichen Terror gegen antifaschistische und sich alternativ verstehende Menschen. Diese Angriffe erfolgen manchmal spontan, manchmal aber auch gezielt. Schon Tage vor dem Punk-Konzert, zu dem Alexey gehen wollte, wurden im Internet-Fan-Forum des Fußball-Clubs »Spartak-Moskau« Informationen zu dem Konzert und zum richtigen Verhalten beim Überfall veröffentlicht. Die Fans des Vereins sind für ihre rassistische und nationalistische Haltung bekannt und die vorherigen Hinweise deuten auf mehr als nur fahrlässige Körperverletzung mit Todesfolge hin! Den Tod von Menschen nahmen sie vielmehr billigend in Kauf! Obwohl die beiden erstgenannten Morde für viel öffentliche Aufmerksamkeit sorgten, war ihre juristische Aufarbeitung mangelhaft. Solche Übergriffe werden von der Polizei als »Rowdytum« eingestuft und ihre Hintergründe in den russischen Medien nicht thematisiert. Das wirft unseres Erachtens ein bitteres Schlaglicht auf die Situation von AntifaschistInnen in Russland. Girenko, Kacharava und Krylov stehen hier nur beispielhaft für viele Opfer, deren Zahl ebenso wie die Überfälle und körperlichen Auseinandersetzungen mit Neonazis dramatisch steigt.
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Nur vereinzelte Informationen sind in den vergangenen Monaten über den rassistischen und faschistischen Terror in Russland an die Öffentlichkeit gekommen. Die russische Menschenrechtsorganisation SOVA zählte für 2005 mindestens 47 Morde und 461 Angriffe aus rassistischen/nationalistischen Motiven. 2006 stiegen die Zahlen auf 54 Morde und 541 Angriffe. 2007 waren es 72 Getötete und allein in den ersten drei Monaten des Jahres 2008 wurden bereits 33 Menschen ermordet.
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